Wenn man anders ist … ein Leben als Außenseiter

Mein Leben als Außenseiter in einer ignoranten GesellschaftAls ich dass erste Mal im Internet war, da war dass für mich eine Befreiung. Ich wuchs in einer Zeit auf in der es schwer war andere Sichtweisen als die gemeinhin Gültige erfahren zu können. Das Narrativ, wie es heute gerne genannt wird, dominierte. Einerseits war es eine interessante Zeit: Homosexualität wurde allmählich zur Norm, die ersten CSDs fanden in Deutschland statt und ich? Nun, ich war mit dem Problem geschlagen dass ich auch nicht normal war – was damals für mich noch eher einen Fluch darstellte. Ich war nicht schwul, aber eben anders.

Heute kann ich darüber lachen, aber zum damaligen Zeitpunkt litt ich doch sehr darunter, und Hilfe finden? Jemanden der bereit ist zuzuhören? Schwer. Psychologen? Die Idee ist nett, aber oft läuft es darauf hinaus dass diese selbst eine Therapie brauchen. Freunde? Hatte ich eigentlich nicht. Ich war wohl zu langweilig, zu sehr auf Sicherheit bedacht und wollte vieles nicht mitmachen. Zu vernünftig für ein Kind, oder Altklug – was man für die Meisten auch mit nervig übersetzen kann.

Was blieb sonst? Die Eltern?

Meine Mutter war alleinerziehend und hatte bedingt durch die Jobs die sie erfüllte nur wenig Zeit für mich, abgesehen davon hatte sie eine Art die es schwer machte bestimmte Dinge anzusprechen. Sie war nicht böse, sogar verständnisvoll – aber … naja. Ein Junge redet eben nicht über jedes Thema mit seiner Mama.

Blieben die Lehrer! Diesen hatte ich exakt einmal vertraut und mit einem Vertrauenslehrer über meine Situation gesprochen. Ergebnis? Gespräche mit meiner Mutter und im – vermutlich pädagogisch wichtig wirkendem – Kreis auch Gespräche mit mir.

Sexuell gestört! Hang zur Perversion! Man, dass hing nach und tat nochmals extra weh! War ja nicht so dass ich viele Kontakte hatte und eh schon jede Menge Selbstzweifel durchlitt, nein, da kam dieses wenig freundliche Urteil dieser Schnapsnasen noch oben drauf. Nicht nur ein Außenseiter, auch noch ein kranker Freak? Was konnte denn noch kommen?

Und was war denn nun so krank an mir? Stand ich auf Tiere? Bekam ich eine Erektion wenn etwas brannte? Trieb ich mich auf Friedhöfen herum? Oder war sonst was komisch an mir?

Nein!

Mein einziger Makel – in der Weltsicht dieser Lehrkörper – retrospektiv würde ich sie eher als Hohlkörper bezeichnen – bestand darin dass ich auf ältere Frauen stand. Und nein, auch keine gebrechlichen Omas, oder Hinfällige. Mein „krankes“ Verlangen richtete sich auf Frauen in den Vierzigern und Fünfzigern – also eben solchen Frauen die mitten im Leben stehen, die attraktiv sind und die nicht über jeden Mist albern kicherten und mit denen ich mich am besten unterhalten konnte.

Wie gesagt, damals kamen die ersten CSDs auf, Schwule wurden mehr und mehr als Teil der Norm akzeptiert, aber ich mit meinen Vorlieben? Den Blicken und Worten der Lehrer nach, stand ich wohl irgendwo zwischen Nekrophilen, Kannibalen und Typen die sich an Tieren vergehen.

Ich kleines, perverses Schwein aber auch!

Natürlich hat sich niemand die Mühe gemacht zu hinterfragen was es denn nun ist, dass mir an diesen Damen so gut gefällt. Dass diese für mich alleine schon deswegen etwas ganz Besonderes waren, weil ich mich wunderbar mit ihnen austauschen konnte. Aber wirklich beschreiben kann ich es bis heute nicht, aber es hat sehr viel mit Ausstrahlung, Haltung und innerer Ruhe zu tun.

Und ja, ich hatte damals sehr viele Kontakte zu Frauen – natürlich auch Männern – in dieser Alterklasse. Nicht durch die Schule, sondern über meine Mutter. Diese arbeitete im römisch germanischen Museum in Köln, und da die kölner Museen fast alle miteinander zusammenarbeiten, war es mir möglich alle kostenlos zu besuchen. Was ich gerne und oft tat, und wofür ich auch den Unterricht schwänzte.

Irgendwann wurde ich in den Museen bekannt wie der berühmte bunte Hund und so kam es dass ich nach und nach auch Kontakte zu Führern bekam, und den Angestellten die man normalerweise nicht im Besucherbereichen sieht. Kuratoren, Restauratoren, Professoren, Archäologen, Kunstsachverständige und, und, und. Und wenn ich nicht in den Museen herumstrolchte, zog es mich meist in eine der Bibliotheken, wo ich nach und nach auch mit den Angestellten dort Bekanntschaft erlangte.

Während meine Schulkameraden ihren jungen Mädchen hinterherliefen und sich tolle Geschichten aus den Fingern zogen von Eroberungen die wahrscheinlich nie stattfanden, oder sich für Fußball, die neuesten Nintendo-Spiele oder was weiß ich nicht interessierten, lernte ich eine andere Welt kennen. Und ja, wahrscheinlich haben mich diese sozialen Kontakte geprägt, aber meine eigene Generation erschien mir damals dumm, langweilig und nichtssagend.

Ich lernte dort Dinge, die in der Schule nie vermittelt werden würden. Es war nicht meine Welt.

Einmal begegnete mir eine Frau die jünger war als ich, welche aber durchaus geistige Größe und diese gewisse innere Haltung hatte, die mich so sehr fasziniert. Wäre ich etwas weniger schüchtern, offensiver, gewesen, und wäre sie nicht so verdammt verheiratet gewesen, sie hätte mir auch gefallen können. Also kann es dass Alter an sich nicht sein – aber auf den Trichter bin ich erst relativ spät gekommen.

Dennoch, die Einschätzung der Lehrer hingen mir lange Zeit nach. Es war, wie oben erwähnt, dass Internet welches mir endgültig gezeigt hatte dass ich gar nicht so krank und verkehrt war, wie ich immer dachte. Zunächst waren es Videotheken, da konnten meine kleinen, schmutzigen Fantasien einen Widerhall in der „wirklichen“ Welt finden. Das erste Mal dass ich tatsächlich jene Frauen in voller Pracht bewundern konnte, die bislang nur in meiner Fantasie die Hüllen fallen ließen.

Und als ich mir zwei Jahre später einen PC mit Internetzugang zulegte? Nun, da waren auf einmal Foren in denen man über nahezu Alles reden konnte, und natürlich auch – na – richtig: Frauen! Diese traumhaften Wesen in so vielen Varianten dass mir schwindlig wurde. Da gab es Mollige, Sportliche, Ältere, Jüngere – eigentlich gibt es ja nichts was nicht von irgendjemanden als begehrenswert empfunden wird!

Und ja, Asche auf mein Haupt – gerade ich sollte nicht verurteilen, aber manches davon ist dann schon ein wenig … extrem.

Nun, einerlei.

Für einen einsamen jungen Menschen wie mich, war dass Ganze eine Offenbarung. Und ich lernte, Dank der damals noch verbreiteten Chaträume, tatsächlich mit „normalen“ Leuten über normale Themen zu sprechen. Das klingt für Dich als Leser wahrscheinlich abgehoben, aber dass war wirklich ein Problem für mich. Die einzigen sozialen Kontakte die ich hatte, waren eben in den Museen und Bibliotheken, und es ist ein Unterschied ob ein Heranwachsender sich mit „Seinsgleichen“ befasst, oder mit Doktoren und Professoren, die teilweise ihr Vergnügen daran hatten mir kleine Denksportaufgaben, Recherchen oder Schnitzeljagden quer durch die Geschichte zu stellen.

Ich will es nicht schlecht reden! Es war eine tolle Zeit und ich lernte so unglaublich viel von diesen Menschen, aber wie gesagt, es machte es auch schwer sich an normalen Alltagsdiskussionen zu beteiligen. Ich war irgendwo ein geistig ziemlich verwöhntes Bürschchen, würde ich heute sagen.

Als ich während des Wehrdienstes zwangsläufig mit anderen reden musste, fiel es mir schwer, und ich wurde anfänglich auch gemieden. Klar, wenn da einer ist der nichts sagt, der sich nicht für dass interessiert was die anderen interessierte? Erst nach einiger Zeit, als die anderen sahen dass ich lediglich wortkarg, aber eben kein Arschloch war, verbesserte sich die Situation.

Tja, und danach? Wie gesagt, dass Internet war damals eine Offenbarung und auch eine sehr gute Therapie die mir half etwas zur Normalität zurück zu finden. Und die mir zeigte dass ich eben nicht gestört bin, nur ein wenig anders.

Und ich habe heute begriffen dass es nicht schlimm ist anders zu sein. Es kann sehr schmerzhaft sein, ja, aber man hat immer auch die Gabe die Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Und dadurch kann man vielen den Schrecken nehmen …

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