Es lebte einst, in einem der südlichen Königreiche, eine wunderschöne Königin die Alles hatte, was die Menschen sich damals erträumten. Ihre Reichtümer bestanden nicht alleine aus Gold und Edelsteinen – es waren auch ihre Gärten, die dass ganze Jahr lang einen wunderschönen Duft verbreiteten, und in deren Sträuchern allerlei lieblicher Vogelgesang zu vernehmen war. Die Leute bewunderten sie auch wegen ihres Herzens, denn sie erachtete die feinen Künste als wertvoll, und sorgte sich rührend um ihre Untertanen. Nur Eines fehlte ihr: Die Liebe eines Mannes …
Es gab viele, die sich diese wunderschöne Königin an ihrer Seite wünschten: Viele reiche Kaufleute, Adlige, Abenteurer, Prinzen und andere Könige – einige versuchten es mit Gewalt, sie zu ihrer Frau zu bekommen, scheiterten jedoch an den Mauern ihrer Stadt und fanden ein tragisches Ende in den öden, staubigen Weiten, welchen diese umgab. Und auf Jene, die sie auf ehrlichem Wege erlangen wollten, hielt sie Prüfungen bereit, die sie bestehen mussten.
Im Grunde klang es einfach. Derjenige, welcher es schaffen sollte sie in ihrem Thronsaal zu berühren, der durfte ihre Hand freien. Allerdings stand ihr Thron auf einer erhobenen Fläche und war umgeben von Gruben aus flüssigem Gold, giftigen Schlangen und einem Wassergraben, in welchem Krokodile schwammen. So geschah es dass im Laufe der Zeit viele Mutige ihr Leben ließen, bei dem Versuch um ihre Hand anzuhalten … und doch strömten immer wieder neue Wagemutige, die es auf ihren schönen Körper und ihre unzählbaren Reichtümer abgesehen hatten.
Nach einiger Zeit war sie so niedergeschlagen, ob ihrer Einsamkeit, dass sie die Tore für jeden öffnete, der es wagen würde sich ihren Proben zu stellen. Die Tapferen wurden im Laufe der Zeit jedoch weniger, weil die Kunde von den schrecklichen Schicksalen ihrer Vorgänger sich verbreitete und sich sagten, bei aller Schönheit, bei allem Reichtum, was nutzt es, wenn der Weg dorthin vom Tod selbst beherrscht wird?
Nach einiger Zeit wagte sich auch ein junger Bettler in den Palast. Die Höflinge und Wachen schauten ihn spöttisch an, als er in seinen Lumpen durch die Hallen schritt und sagte, er wolle die Königin freien. Niemand traute dieser abgerissenen Gestalt zu dass er auch nur die erste Grube zu überwinden vermochte. Ein jeder der Anwesenden war sich sicher, dieser Hungerleider? Niemals! Niemand hätte gedacht dass er eine Chance hätte, auch nur von ihr angesehen zu werden. Diese traurige Gestalt? Was sollte er einer Königin von solchem Status schon bieten können?
Die Wachen wollten ihn nicht durchlassen. Sie sagten sein Anblick sei eine Beleidigung für jeden Höfling, und sein Geruch in diesen heiligen Hallen eine Anmaßung. Aber der Bettler wusste um den Erlass der Königin, dass jeder Mann dass Recht habe seine Aufwartung zu machen. Also setzte er sich vor den Palast, und wartete.
Er bettelte nicht, sondern saß einfach nur ruhig da, hatte die Augen geschlossen und niemand vermochte zu sagen wo er mit seinen Gedanken war, oder was er träumte. Nach einigen Tagen wurde einer der Diener der Königin auf ihn aufmerksam und ging, mit etwas Essbarem, zu ihm, da ihm der Bettler, der nun schon Tage dort saß, leid tat.
Er hörte sich an was der Bettler wollte, und ging danach zu seiner Königin um ihr die Situation zu erklären. Die Königin hob erstaunt die Augenbrauen, verlangte jedoch dass der junge Bettler zu ihr gebracht würde, denn es sei ihr Gesetz dass ein jeder versuchen durfte, um ihre Hand zu freien. Und die Königin hatte eine Grundlage: Die von ihr geschlossenen Gesetze galten für Jedermann! Uneingeschränkt, denn dass Wesen ihrer Gesetze war Gleichheit.
Auf dem Weg zum Thronsaal wurde der junge Bettler von spöttischen Blicken begleitet. Er vernahm dass stille Raunen hinter vorgehaltenen Händen, die herablassenden Blicke einiger Höflinge, aber auch die mitleidigen Blicke, die von einigen kamen. Ein junger Herold hielt ihn kurz auf und fragte ihn ob er es wirklich riskieren wolle! Da waren schließlich erfahrene Abenteurer gewesen, die jedem Winkel der Welt gesehen und besucht hatten. Reiche Prinzen und Kaufleute, Männer des Wissens, starke Krieger die nichts hatte aufhalten können … bis auf die Prüfung der Königin. Und ihr Preis war stets der Selbe: Ihr Leben!
Doch der junge Bettler lächelte nur, und legte dem Herold dankbar eine Hand auf die Schulter. Er lächelte ihn still an und sagte dass er nichts habe, was er noch verlieren könne, und dass er deswegen keine Angst hätte. Vielleicht würde er sterben, doch vorher hätte er dann zumindest die schönste Frau der Welt aus der Nähe sehen, und ihre Stimme hören dürfen. Wenn dass nicht Wert war, in einem Leben aus Not, Leid und Elend, einen funkelnden Stern aus der Nähe zu sehen, was sollte es dann sein?
Und so schritt der junge Bettler in den Thronsaal.
Der Anblick alleine überwältigte ihn fast. Die Wände aus Marmor, mit Gold und Silbereinlagen durchzogen, an den Seiten kleine Brunnen, aus denen Ströme sauberen, kühlen Wassers flossen und in der Mitte? Da stand der Thron, bewacht von zwei riesigen Kriegern und umgeben von drei Gruben. In der ersten zischten die Schlangen in Erwartung auf ein neues Opfer, in welches sie ihre Giftzähne schlagen konnten. In der zweiten Grube blickten ihn aus dem Wasser stehende Augen an, in Erwartung darauf den Unvorsichtigen in die Tiefe zu ziehen, und ihn dort zu verschlingen. Aber am beeindruckendsten fand er die dritte Grube. Denn sie war gefüllt mit flüssigem Gold – heiß und dampfend. Wunderschön in ihrem Glanz, und doch mit dem Versprechen auf einen Schmerzvollen Tod beseelt.
Aber dass wirklich beeindruckende, dass war die Königin selbst. Wie sie mit ihrer Bronzefarbenen Haut dort saß. In seidene Tücher gehüllt, welche die Form ihres Körpers betonten und hervorhoben, statt sie zu verbergen. Ihr Haar glänzte fast so sehr wie die feinste Seide, und es schimmerte im Licht der unzähligen Feuer in einem traumhaften blauem Glanz. Die Lippen schienen zu einem steten Lächeln geformt, und in ihren Mandelförmigen Augen sah er etwas, was er gut kannte: Schmerz! Ein Echo der Einsamkeit. Der treueste, und tragischste Begleiter den eine menschliche Seele im Leben haben kann.
Er war so überwältigt von der vor ihm sitzenden Schönheit, sowie dem opulent zur Schau gestelltem Reichtum, dass er sich setzen musste. Er ging bis zur ersten Grube und nahm Platz, den Blick auf die Königin gerichtet. Sie blickte ruhig und gespannt zurück. Und als der Bettler sich nach einiger Zeit immer noch nicht aufmachte die Prüfungen zu begehen, fragte sie ihn, warum er nicht anfangen wolle?
Ihre Stimme war wie dass Spiel einer Harfe, welches er einmal vernahm. Als würde ein Engel ihm einen Kuss zu hauchen. Verschämt richtete er seinen Blick auf den Boden und sagte ihr dass er gleich losgehen werde, in seinen sicheren Tod. Aber dass würde er mit Freuden im Herzen machen, da er nun einen Blick auf dass Paradies erhascht hatte. Das er nie im Leben gedacht hätte eine solche Schönheit, eine solch wundervolle Stimme vernehmen.
Er erzählte ihr was er in diesen Räumen, auch angesichts des drohenden Todes, empfand, und warum er keine Angst habe. Er war doch nur ein Bettler. Ein Niemand an dem man vorübergeht, und der die meiste Zeit nicht einmal was vernünftiges zu Essen hatte. Ein wertloser Mensch, der keinen Platz in der Gesellschaft hatte, und der auf Steinen statt auf Stroh schlief. Jemand den man wegjagte, wenn er störte. Und es war seine bloße Existenz, welche die meisten störte.
Und so erzählte der junge Bettler aus seinem Leben. Von den Träumen die seine Eltern hatten, bevor Vater in irgendeiner Schlacht fiel, und seine Mutter gezwungen war ihn an einen Händler zu verkaufen, vor dem er dann letztlich floh, bevor man ihn zum Eunuchen machen würde. Er erzählte ihr von seinen Träumen, die er als Kind hatte, von den Hoffnungen seiner Eltern, davon wie er es sich vorstellte noch einmal in einem richtigen Bett zu schlafen, sich keine Gedanken zu machen, wo er etwas Essbares herbekommen würde, oder wo er liegen könnte, ohne vertrieben zu werden, oder wilden Tieren zum Opfer zu fallen.
Er erzählte, und erzählte und die Königin sie hörte zu. Ihr ewiges Lächeln machte einem mitleidigem Blick Platz, welchen niemand je zuvor in ihrem wunderschönen Gesicht gesehen hatte, und nach einiger Zeit floss ihr, ob des Schicksals dieses jungen Mannes und seines Mutes, mit dem er dem Leben trotzte, eine Träne über die Wange. Und dann noch Eine, und eine Weitere … und so saß die schönste Frau der damaligen Welt auf ihrem Throne, weinte Tränen der Trauer über dass Schicksal eines Fremden, und als der Bettler aufstehen wollte, um sich, trotz dem drohenden Ende, in sein Schicksal zu ergeben und mit der Gewissheit nun zu wissen was Schönheit wirklich ist, zu sterben, erhob sich die Königin und rief laut „Halt!“.
Erstaunt blieb der Bettler stehen und dachte schon er dürfe nicht weiter gehen. Die Königin stand auf, wies die Wachen an die tödlichen Gruben zu verschließen und schritt dann, voller Stolz, aber auch mit einem wunderschönen Lächeln im Gesicht, auf den jungen Bettler zu.
Sie ergriff seine Hand und bat ihn aufzustehen. Sie hielt seine Hand und trat in den Vorraum des Thronsaales und verkündete laut dass sie ihren Mann nun gefunden habe.
Die Höflinge, die eben noch gespottet hatten, wagten nicht ihre Blicke zu heben. Es herrschte eine Stille im Saal, in welcher man eine Feder hätte fallen hören können, und ein Jeder fragte sich, wie diese arme, dürre Gestalt es geschafft hatte die drei tödlichen Gruben zu überwinden, und die Königin – trotz ihrer Wächter – zu berühren, aber es musste wohl so geschehen sein …
Die beiden lebten sehr lange, und sehr glücklich miteinander, und sie schenkten der Welt drei wundervolle Kinder, von denen jedes später sein eigenes Reich gründen würde. Beide herrschten gerecht und sorgten dafür dass Armut in ihrem Reich verboten wurde. Jeder musste sich um den anderen kümmern, wenn dieser Hilfe brauchte. Und jene, die niemanden hatten, für die wurden Häuser errichtet, in welchen man sich um sie sorgte.
Nach vielen, vielen Jahren wollte der König dann aber doch wissen, was er sich all die Zeit nicht zu fragen wagte, aus Angst den Traum zu zerstören: „Sag mir meine Liebste, warum hast Du es damals nicht zugelassen dass ich in die erste Grube ging?“. Die Königin, immer noch von der gleichen Liebe erfüllt wie am Anfang, sagte ihm darauf: „Ich habe diese Prüfungen erdacht um jemanden zu finden, der bereit ist Alles zu tun um mich zu berühren. Da waren Männer die versuchten mich zu kaufen, zu bedrohen, die mich besitzen wollten, oder nur meinen Reichtum wollten. Die aus waren auf Macht, auf Einfluss … auf Alles, nur nicht auf mich. Aber dann bist du gekommen und hast dass bei mir berührt, was vorher niemand zu berühren mochte: Mein Herz! Darum habe ich dich zum Manne genommen!“.
Und so wurde aus einem einfachen Mann, der nichts mehr im Leben hatte, und der nur noch einmal etwas Schönes sehen wollte, ein mächtiger und fairer König an der Seite einer ebensolchen Königin. Und dass Lied ihres Glückes wurde noch von vielen Generationen erzählt. Und manchmal, wenn man heute durch den Sand einer bestimmten Wüste streift, kann man in der Nacht einen Wind heulen hören, der gelegentlich wie dass glockenklare Lachen eines sich liebenden Paares anhört ….

