Er saß auf dem alten abgewetzten Sessel, auf welchem er schon saß als seine Frau noch lebte. Der Fernseher auf den er starte war wie er selbst, nicht mehr der Jüngste. Gelegentlich erinnerte er sich an die besseren Zeiten, als sein Rücken noch stark war und seine Beine ihn sicher durch die Welt trugen. Ja, das waren gute Zeiten als er mit seinen Kindern und seiner Frau über die Weihnachtsmärkte streifen und er hin und wieder einen Glühwein trinken konnte. Heute saß er meistens in seinem Sessel, hörte Radio oder schaute den Fernsehsendungen zu, welche ihm mit ihrer neuartigen und lauten Art Angst vor dieser neuen Welt da draußen machten. Im Alter war der ehemalige Charmeur zu einem ruhigen, traurigen Mann geworden der mit seiner Einsamkeit und seinen Erinnerungen zu kämpfen hatte.
Nun saß er da und blickte auf den Bildschirm, sah sich einen alten Film an welcher von Weihnachten handelte – ein schnulziger Schinken, der mit jener Realität die er selbst erlebte, nicht das geringste zu tun hatte. Nein, die Kinder kamen nicht, es war kein großes Fest mit einer glücklichen Familie – das war der Unterschied zwischen Fernsehen und Realität. Wie in den letzten Jahren würde vielleicht einer seine Nummer wählen und sich in fünf Minuten davon überzeugen das er noch lebte, aber wahrscheinlich würden sie ihre eigenen Kinder mit irgendwelchen Geschenken überhäufen um danach schnell wieder ihrer Arbeit nachzugehen. Er war eben alt, und Alter? Das ist etwas was die meisten zu fürchten scheinen. Etwas das man meidet – es könnte ja ansteckend sein. Er hatte seine Erinnerungen und das reichte ihm, auch wenn er sich selbst davon überzeugen musste.
Als der Film vorbei war, stand er mühsam auf und ging zum Fenster. Dort sah er herab auf den schmutzigen Hof und dachte daran dass früher doch Vieles besser war. In seiner Erinnerung waren die Menschen damals sauberer, achtsamer und bei Weitem nicht so aggressiv und angespannt wie sie es heute sind. Nein, viel Gutes hat die Entwicklung nicht gebracht und wenn er eine Sendung verfolgte welche Politik zum Thema hatte, dann war es dort wie draußen: Grau und trostlos. Ihm schien als meide selbst der Schnee diese graue Metropole, die ihm immer fremder vorkam, fast als wäre er sich zu schade, sein weißes Kleid auf die abgestellten Autos und verdreckten Straßen zu legen. Draußen liefen ein paar Kinder herum. Ob sie jemals richtigen Schnee kennen lernen würden? Ein wenig traurig schloss er die Augen und dachte an seine eigene Kindheit zurück …
Ja, Schnee hatten sie gekannt, damals, als die Eltern ihn voller Begeisterung mit auf die Straße nahmen. Er erinnerte sich wie sie ihm ein kleines Fähnchen in die Hand gedrückt hatten und wie er dem großen Mann zuwinken sollte, der mit einem noch größerem Auto an ihnen vorbei fuhr. Der große Mann war ihm damals egal gewesen, wichtiger war für ihn das freudige Jubeln der Menge und das kleine Fähnchen in der Hand – später war ihm der Große Mann nicht mehr egal gewesen, denn da musste er wegen ihm durch zerbombte Städte laufen und das Schreien der Verzweifelten ertragen, während er selbst ein Verzweifelter auf der Suche nach den Seinen war…
Er hatte in den Jahren danach eine neue Familie gegründet, seine Frau gefunden und gemeinsam mit ihr gute und schwere Zeiten durchstanden, ganz wie er es ihr und sich selbst vor so vielen Jahren geschworen hatte. “Bis das der Tod euch scheide” – nein, der Tod hatte sie nicht geschieden. Er hatte ihn als Überlebenden zurückgelassen, alleine mit der Erinnerung an zwei Leben, an zwei Herzen die oft im Gleichklang schlugen und zwei Seelen die ihre Träume teilten. Der Tod hatte sie nicht geschieden, ihn aber sehr einsam werden lassen. Er öffnete die Augen und wischte die Sentimentalität mit einem grimmigen Verziehen der Lippen fort. So, wie er die kleine Schneeflocke hätte fortwischen können die gerade auf sein Fenster gefallen war, wenn er es geöffnet hätte, und mit der Hand über die Scheibe gefahren wäre.
Schnee fiel – vielleicht würde es ja endlich wieder eine Weiße Weihnacht geben? Er lächelte vorsichtig, denn der Gedanke gefiel ihm – auch wenn er wie die letzten Jahre alleine in seiner Wohnung sitzen würde. Langsam ging er wieder zu seinem Sessel, schaltete den Fernseher aus und drehte seinen alten Sessel so dass er aus dem Fenster blicken und dem Treiben der nun stärker fallenden Schneeflocken zusehen konnte. Er empfand es als interessanter statt den langweiligen und dummen Sendungen, oder den verlogenen Versprechungen der Werbung zu folgen, welche für Menschen gemacht wurden die jünger und naiver waren als er selbst.
Er schaute eine Weile den Flocken zu und erinnerte sich an das Weihnachten, als er noch ein Kind gewesen war. Wie es war als seine Eltern noch lebten, vor diesen endlosen Nächten aus Feuer, heulenden Sirenen und Verzweiflung. Ja, es war eine schöne Zeit. Voller Gerüche und Geräusche. Er fragte sich mit einem Male ob der weiße Winter heute immer noch so riechen könnte wie damals. Einen Moment lang das Fenster öffnen und den Flocken zusehen bevor er schlafen ging, ja, das war ein schöner Gedanke!
Er würde sich mit seiner Decke hinsetzen, den fallenden Flocken zusehen und vielleicht ein Glas Glühwein trinken, während er dem Geruch der Vergangenheit in sich aufsaugen würde. Er ging, etwas beschwingter als sonst, in die kleine Küche, holte sich eine Tasse aus dem Schrank, bereitete seinen Glühwein und griff sich auf dem Rückweg noch einen Pullover. In seinem Alter musste man aufpassen dass man sich nicht erkältete. Er öffnete das Fenster, wickelte sich seine Wolldecke um die Beine und trank seinen Becher leer.
Tatsächlich, der Winter roch immer noch wie früher! Er meinte den leichten Geruch von Kaminfeuer zu riechen, vielleicht auch von Gebäck: Zimt, Apfel und Mandeln. Immer mehr kam die Erinnerung an das was war und das ihm heute so fern schien. Dabei brauchte er nur die Augen schließen und es war alles wieder da. Auch seine Frau war wieder da, er musste einfach nur die Augen schließen und sich erinnern. Ja, das ist sie, seine geliebte Frau. Die Mutter seiner Kinder und die Begleiterin durch einen Großteil seines Lebens. Es ist schön sie lächeln zu sehen. Und alles was er tun musste war die Augen zu schließen und sich der Erinnerung hinzugeben.
Der Wind heulte ums Fenster, aber das interessierte ihn in diesem Moment der Erinnerung nicht. Selbst wenn es ein Traum war, war es denn verkehrt diesem einen Moment lang nachzugeben und die, welche man doch immer noch liebt, wieder in die Arme zu schließen? Er fiel ihr in die Arme, klammert sich an sie und genoss die Freude die er nach Jahren der Einsamkeit in ihrer wärmenden Gegenwart verspürte…
Es ist keine Arbeit welche Spaß macht, all zu oft erlebt man darin unschöne Überraschungen, manchmal auch nur heilloses Chaos oder aber auch nur gähnende Leere. Der Mann hatte seine Rechnungen seit Monaten nicht mehr bezahlt, und auch nicht auf Schreiben und letztlich die Räumungsklage reagiert. Und nun war es Zeit die Wohnung zu öffnen. Der Schlosser erledigt seine Aufgabe in Minutenschnelle.
Manchmal macht es ihm Angst zu sehen wie schnell eine Wohnungstüre aufgebrochen wird. Türen sollten einen schützen, aber während er zusah wie der Schlosser die Verriegelung innerhalb einiger Sekunden geöffnet hatte, kam ihm der Gedanke dass Türen kein Schutz sind, sondern uns nur vor der Welt da draußen verstecken sollen.
Er betritt die Wohnung und nimmt sofort den leichten Geruch wahr. Er redet sich ein dass es vergammeltes Fleisch ist, hält sich daran fest bis er den alten Mann leblos in seinem Sessel findet, dass Fenster geöffnet und die Fernsehzeitung auf dem Tisch, neben welcher eine leere Flasche billigen Biers steht, zeigt den 24. Dezember.
Ein grässlicher Anblick, trotz des Lächelns das auf dem eingefallenen altem Gesicht zu sehen ist, und er fragt sich woran dieser vergessene Mensch in seinem letzten Momenten wohl gedacht haben mag?
Einer seiner Kollegen öffnet dass Fenster, und ein Wind pfeift leise um dass Haus der die Gerüche mit sich trägt und Platz schafft für eine neue Geschichte …

